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Tesla – Plötzliche unbeabsichtigte Beschleunigungen?

Analyse des Monats Januar 2020

Der Elektroautohersteller Tesla ist immer wieder ein beliebtes Ziel von Spekulationen, sowohl in die positive wie auch negative Richtung. Aktuell ist ein Artikel auf CNBC Anlass für Diskussionen. Für uns Anlass, etwas tiefer in die Materie einzusteigen.

US-Beschwerden zur Fahrzeuggschwindigkeitsregelung über alle Fahrzeughersteller-übergreifend (Daten 2019, NHTSA)

Vehicle Speed Control Complaints Chart

Prophezeiungen, dass dem Elektroauto-Überflieger Tesla hohe Belastungen durch Rückrufe von Fahrzeugen drohen, sind nicht neu. In einem Informationsgemengelage, nicht selten angetrieben von Vertretern konventioneller Technik, Klimakritikern oder Shortsellern fällt eine neutrale Bewertung allerdings nicht immer leicht.

Aktuell kocht die Gerüchteküche wieder einmal am Thema der „Sudden Unintended Acceleration“ im Fachjargon mit SUA abgekürzt. Hiermit werden böse Erinnerungen schnell geweckt. Denn die Erinnerungen an den gewaltigen Rückruf aus den Jahren 2009/2010 von gut neun Millionen Toyotas infolge eines defekten Gaspedals sind noch immer wach. Nicht nur, dass es der von der Anzahl der Fahrzeuge her einer der größten Rückrufe überhaupt war, sondern auch und vielmehr aufgrund der damit verbundenen tödlichen Unfälle. Allein auf US-amerikanischen Straßen sollen nach einem Bericht der Tagesschau aus 2010 unbeabsichtigt beschleunigende Wagen an mehr als 200 Unfällen mit 34 Toten beteiligt gewesen.

Grund genug für uns auf Carwatch.net, den Fall etwas genauer anzusehen und anhand der uns zur Verfügung stehenden Daten zu analysieren und bewerten. Basis der Analysen sind die Anfang 2019 bis Mitte Januar 2020 offiziell in den wichtigsten Märkten von behördlicher Seite veröffentlichten Rückrufe sowie die im gleichen Zeitraum durch die US-Amerikanische Behörde NHTSA gesammelten Beschwerden von Fahrzeughaltern. Unter den 77.830 Beschwerden betrafen insgesamt 3.437 Beschwerden die Geschwindigkeitsregulierung.

Tesla Models Complaints

Beginnen wir damit zuerst. Von den eindeutig bestimmten Modellen zuordenbaren 364 Beschwerden gingen die meiste auf das Konto des Model S (197), gefolgt mit deutlichem Abstand durch das Model 3 (107) und Model X (60).

Tesla Complaints per Component

Gehen wir etwas in die Details und untersuchen die Beschwerden auf Komponentenebene. Hier erweist sich die Anzahl der Vorfälle unter Beteiligung der Geschwindigkeitsregelung („Vehicle Speed Control“) von den Absolutzahlen her zwar nicht als dramatisch, aber sie fallen ins Auge. Bei anderen Fahrzeugherstellern rangieren Vorfälle unter Beteiligung beispielsweise der Bremsen und Airbags zahlenmäßig üblicherweise weit vor den Geschwindigkeitsregelungsproblemen. Konkret unter dem Stichwort „Sudden Unintended Acceleration“ fanden sich insgesamt nur 5 Beschwerden, davon eine zum Model 3, die beiden anderen jeweils das Model S und X betreffend.

Vehicle Speed Control Complaints

Betrachten wir die US-Beschwerden im Kontext der „Vehicle Speed Control“ über alle Fahrzeughersteller hinweg, nimmt sich der Anteil Tesla betreffend vergleichsweise gering aus.

Allerdings muss bei den Absolutzahlen von 36 Beschwerden zum Tesla berücksichtigt werden, dass noch entsprechend wenige Fahrzeuge unterwegs sind. Zum Vergleich: Die drei großen deutschen Premiumhersteller hatten im selben Untersuchungszeitraum bei um ein Vielfaches mehr an Fahrzeugen im Feld trotzdem von den Absolutzahlen her sogar noch weniger Beschwerden zur „Vehicle Speed Control“ (BMW: 28, Audi: 23, Mercedes: 22).

Sudden Unintended Acceleration Worldwide Recalls

Von Seiten der Rückrufe her sah es im Zeitraum Anfang 2019 bis Mitte Januar 2020 für Tesla recht übersichtlich aus. Neben zwei US-Amerikanischen wurde jeweils ein Rückruf in Kanada, Japan und Großbritannien initiiert. Von den inhaltlichen Beschreibungen der Rückrufe her ist keine Verbindung mit unerwarteten Beschleunigungen feststellbar. Zusätzlich zu den Rückrufen ist in der NHTSA noch eine 2019 neu veröffentliche Untersuchung für Tesla anhängig. Allerdings steht auch diese nicht in Bezug zur Geschwindigkeitsregelung.

Fazit

Wirklich handfeste Gründe für einen großflächigen Rückruf von Hunderttausenden Teslas infolge einer „Sudden Unintended Acceleration“ können wir in den offiziellen Daten nicht erkennen. Die 5 gemeldeten Vorfälle in den letzten 12,5 Monaten sind bei weitem nicht ausreichend, um hier etwas Größeres zu prognostizieren. Allerdings, ohne die gebotene Vorsicht bei der Bewertung außen vor zu lassen: In Relation zur Anzahl der Fahrzeuge im Feld sind die Vorfälle unter Beteiligung von Teslas unverhältnismäßig hoch. Was das heißt, wird uns die Zukunft zeigen.

Update:

In den vergangenen Wochen hat es einige Bewegungen in den Daten zu diesem Probem gegeben. Wir werden im April ein Überprüfung unserer Januar-Ergebnisse vornehmen und den Fall ggf. neu berwerten.